Im Mittelalter gab es praktisch keine Kindheit. So könnte man die Hauptthese des bahnbrechenden Werkes „Die Geschichte der Kindheit“ des französischen Historikers Philippe Ariès zusammenfassen. Vor allem die lange Zeit hohe Kindersterblichkeit führte zu einem distanzierten Verhältnis der Eltern zum Kind. Die Kindheit war keine sozial wichtige Lebensphase, sondern ein Risiko. Doch im 17. Jahrhundert fand ein Wahrnehmungswandel statt: die Gesellschaft entdeckte das Kind…

„Ich selbst verlor zwei oder drei Kinder, freilich noch im Säuglingsalter – wenn gewiss nicht ohne Bedauern, so doch ohne darüber trübsinnig zu werden“, schrieb der französische Philosoph Michel de Montaigne Mitte der 1570er Jahre lakonisch in seinen berühmten Essais über den Tod seiner Kinder.1 Es waren zwei oder drei – genauer wusste er es nicht. Was heute kalt und herzlos wirkt, war die längste Zeit der Menschheitsgeschichte keine ungewöhnliche Haltung zum Tod des eigenen Nachwuchses. Die Kindersterblichkeit war in Europa bis Ende des 18. Jahrhunderts hoch – nur die Hälfte aller Kinder erreichte überhaupt das zehnte Lebensjahr. Nahrungsmittelknappheit, schlechte medizinische Versorgung, Kriege und Seuchen machten insbesondere das Kleinkindalter zu einer hochriskanten Lebensphase. Der Tod war lange Zeit ein in allen Lebensabschnitten omnipräsenter Begleiter des Menschen. Auf die Geburt eines Kindes hatte man seinerzeit genau so wenig Einfluss wie auf seinen frühen Tod. Beides gehörte zum Leben unabdingbar dazu, was das Eltern-Kind-Verhältnis und das Konzept der Familie lange Zeit prägte.

Die Familie als Schicksalsgemeinschaft

Antoine Le Nain, Famille de paysans dans un intérieur, 1642
Quelle: gemeinfrei.

1960 untersuchte der französische Historiker Philippe Ariès (1914-1984) die historische Wandlung der Kindheitswahrnehmung mit seiner berühmten Studie „L’enfant et la vie familiale sous l’ancien régime“. Als „Die Geschichte der Kindheit“ erschien das französische Original 1975 erstmals in deutscher Übersetzung. Ariès‘ zentrale These: die Kindheit als eigenständiger sozialer, kultureller und emotionaler Lebensabschnitt ist ein Phänomen der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert. Im Klartext heißt dies, dass es in der Wahrnehmung der Mittelalterlichen Gesellschaft zuvor keine „Kindheit“ gab. Ariès zufolge war die Gefühlsbindung der Eltern zu ihrem Kind aufgrund der hohen Sterblichkeitsrisikos und der hohen Geburtenrate nur sehr lose und ging über eine gewisse Grundaffektivität im Säuglingsalter fast nicht hinaus. Kinder wurden überdies kaum als Individuen wahrgenommen. „Kindheit“ war vielmehr ein Synonym für Überwindung der ersten besonders gefährlichen Lebensjahre, die mit Ängsten und Risiken besetzt waren. Hatten die Kinder diese Phase überstanden, so wurden sie früh wie möglich in das Arbeitsleben der Erwachsenen integriert. Die Familie war Ariès‘ Ansicht nach bis zum 17. Jahrhundert eine Schicksalsgemeinschaft und kein Ort gegenseitiger Zuneigung und Liebe.

Der Sonntagshistoriker

Die „Geschichte der Kindheit“ zählt als Hauptwerk des in vielerlei Hinsicht ungewöhnlichen Historikers Ariès. Zugleich gilt sie als Grundstein der modernen europäischen Kindheitsforschung. Ariès, der sich selbst als „Historien du dimanche“, also als Sonntagshistoriker bezeichnete, verdiente sein Geld eigentlich als Manager in einem Importunternehmen für Südfrüchte. Nebenberuflich war er Lektor des französischen Verlages Plon. Von seinen wissenschaftlichen Gegnern deshalb oftmals als „Bananen-Händler“ verspottet, betrieb Ariès seine Forschungen sämtlich in seiner Freizeit am Wochenende. Erst 1978 wurde Ariès mit 64 Jahren, ein Jahr vor seinem Ruhestand, an die renommierte École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris berufen. Neben seiner „Geschichte der Kindheit“ zählen seine „Studien zur Geschichte des Todes im Abendland“ (Essais sur l’histoire de la mort en Occident : du Moyen Âge à nos jours) sowie die mit Georges Duby und Paul Veyne herausgegebene „Geschichte des privaten Lebens“ (Histoire de la vie privée) zu seinen wichtigsten Werken.

Das Bild als Quelle

Hans Holbein der Jüngere, Edward VI. als Kind, ca. 1583
Quelle: gemeinfrei.

Die „Geschichte der Kindheit“ war ursprünglich als eine Studie über die Geschichte der Kleidung ausgehend von mittelalterlichen Bildzeugnissen geplant. Hierbei faszinierte Ariès insbesondere der Wandel der Darstellung von Kindern, der ihn zum eigentlichen Thema seines Werkes führte. Ariès unterteilt seine Studie in drei Abschnitte, die sich mit der Entdeckung der Kindheit, der Entwicklung des Schulwesens und der Veränderung des Familienlebens befassen. Der Mediävist macht seine These von der Kindheit als noch nicht existentem sozialen Lebensabschnitt unter anderem an der mittelalterlichen religiösen Malerei fest. Hier erscheinen Kinder lediglich in symbolischer Darstellung. Sie sind nicht als konkrete Individuen abgebildet, sondern sind in Form von Engeln oder des Jesus Kindes abstrahiert, zumeist in den Körpern kleiner, unfertiger Erwachsener. Dies änderte sich jedoch im 15. Jahrhundert, als zwei neue Genres entstanden: das Porträt und die Putti. Mit dem Porträt, das sich in realistischer Weise mit dem Kind befasst, verließ dieses erstmals die Anonymität, die ihm in der mittelalterlichen Gesellschaft zuteil wurde. In Familienbildern wurden Kinder nun sogar in das Zentrum der Darstellung gerückt. Auch die Putti – nackte, engelhafte und zumeist allegorische Gestalten in Malerei und Bildhauerei – nähern sich zunehmend realistischen kindlichen Proportionen an.

Die kindliche Unschuld – ein neues Konzept

Joshua Reynolds, The Age of Innocence, 1785/1788.
Quelle: gemeinfrei.

Doch die künstlerische Rezeption des Kindes ist letztlich „nur“ ein äußerer Gradmesser einer geänderten Wahrnehmung der Kindheit. Auch auf den Gebieten der Erziehung und Moralvorstellungen gab es einschneidende Veränderungen. Im ausgehenden 17. Jahrhundert zeige sich laut Ariès ein bedeutender Mentalitätswandel im Umgang mit Kindern hinsichtlich der Sexualität. Dies macht der Historiker am Beispiel des jungen Ludwig XIII. fest. Aus den Beschreibungen seines Hauslehrers Hérouard geht hervor, dass sein Schützling bereits im Kleinkindalter völlig aufgeklärt war und sich weder Eltern noch Dienerschaft in seiner Anwesenheit von derben Späßen abhalten ließen, ihn sogar aktiv miteinbezogen. Erst ab einem Alter von sieben Jahren erhielt der junge Ludwig XIII. plötzlich eine sittliche Erziehung, die einen distanzierten Umgang mit der Sexualität in der Erwachsenenwelt vorsah. Für Ariès war dies ein Beleg dafür, dass Kinder seinerzeit als asexuell wahrgenommen wurden. Erst mit dem (sehr frühen) Übergang in das Erwachsenenalter schien ein strikter und engen moralischen Wertungen unterworfener Umgang mit der Sexualität als angebracht. Nach Ariès entwickelte sich im 18. Jahrhundert erstmals die Vorstellung kindlicher Unschuld, was in einer zunehmenden Moralisierung der französischen Gesellschaft begründet lag. Religiöse Reformbewegungen wie beispielsweise die Jansenisten maßen der Kindheit eine bislang ungekannte Bedeutung zu. Man begann die Kindheit als solche mit der Jesu Christi in Verbindung zu bringen, der nicht nur als Mensch, sondern als Kind auf die Welt kam. Die kindliche Seele wurde nun als besonders rein und schützenswert erachtet.

Disziplin und Drill – auf dem Weg zur „kindgerechten“ Schule

Die Entwicklung des Schulwesens deutet Ariès im Zusammenhang mit der Entstehung einer gesellschaftlichen Kindheits-Vorstellung. Demzufolge entstand aus einer größeren Wertschätzung der Kindheit als Lebensabschnitt der Wunsch, Kinder bestmöglich auf das Erwachsenenleben vorzubereiten. Anders als in der Antike, als es bereits eine im Kindesalter beginnende schulische Erziehung gab, war das mittelalterliche Bildungssystem sehr frei und nicht an Altersgruppen gebunden. Eine Unterscheidung zwischen Kindern und Erwachsenen fand praktisch nicht statt. Das Verhältnis von Lehrern und Schülern war überdies auf Augenhöhe und nicht durch die starke Hierarchie nachfolgender Jahrhunderte gekennzeichnet. Es gab kein nach Klassen organisiertes und aufeinander aufbauendes Lernprinzip. Man konnte mit sieben aber auch erst mit 17 Jahren mit dem Unterricht beginnen. Doch auch hier zeichneten sich wesentliche Änderungen ab. War die Schule zunächst der geistlichen Ausbildung vorbehalten, öffnete sie sich zunehmend. Auch begann der Unterricht nun mit sieben Jahren und eine kinderorientierte Pädagogik gab ein nach Altersklassen abgestuftes Lernsystem vor. Zugleich wuchsen Disziplin und Drill, die mit Körperstrafen verbunden waren, wie es sie zuvor nicht gegeben hatte.

Die Entstehung des Familiengefühls

Anthonis van Dyck, Familienporträt, 1621
Quelle: gemeinfrei.

Im 16. Jahrhundert entstand schließlich auch das Familienporträt, aus dessen Entwicklung Ariès die Bildung eines Familiengefühls herausliest. Die geänderte Wahrnehmung der Kindheit als sozialer Lebensabschnitt ist von einem sich ändernden Familienverständnis nicht zu trennen. Im Mittelalter war die Vorstellung einer auf Intimität und Zuneigung beruhenden Kleinfamilie nicht existent. Stattdessen waren Familien weitaus größer und sozial weiter gefasst, die Frage der Erbfolge und gegenseitiger Abhängigkeiten sehr viel präsenter. Zudem lebte die biologische Familie auf sehr viel engerem Raum mit anderen Menschen zusammen, sodass das Vorstellung von Privatheit ebenfalls unbekannt war. Auf bildlichen Darstellungen fanden sich Familien bislang vorwiegend im religiösen Kontext abgebildet wieder. Doch ab dem 16. Jahrhundert verlagerte sich das Sujet der Familie vermehrt in den häuslichen Raum, Themen wie Geburt oder Tod wurden zum Gegenstand künstlerischen Interesses. Das Konzept der Familie wurde zunehmend mit romantischen Vorstellungen und Idealen aufgeladen und nicht mehr nur als biologisch-sozialer Zusammenhang begriffen. Ariès sieht dies unter anderem in der Entstehung von Familienfesten bestätigt. So wandelt sich vor allem Weihnachten von der rein religiösen Festivität zum kinderorientierten Familienfeier. Auch die kindliche Bildung in Schule und Beruf steht in starkem Zusammenhang mit der Genese familiärer Identität. War es bislang üblich, dass Kinder zur beruflichen Ausbildung so früh wie möglich ihre Familie verließen, um bei einem Handwerksmeister in die Lehre zu gehen, blieben sie nun viel länger zu Hause. Die längere Schulzeit und der längere Aufenthalt bei der Familie führten zu einer neuen und engeren Bindung zwischen Eltern und Kindern.

Grundstein der modernen Kindheitsforschung – doch nicht unwidersprochen

Ariès hat mit seiner „Geschichte der Kindheit“ der modernen Kindheitsforschung ihr Fundament gegeben. Die Thesen des französischen Historikers strahlten weit ab in viele Fachbereiche, von der Geschichte über die Pädagogik bis zur Psychologie. Es wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und erfuhr in Frankreich und Deutschland um die 20 Neuauflagen. Doch trotz seiner bahnbrechenden Wirkung gab es auch Kritik. So warf man Ariès beispielsweise vor, in seiner Quellenauswahl zu selektiv gewesen zu sein und sich zu sehr auf die gesellschaftliche Elite fokussiert zu haben. Ebenfalls – so Ariès‘ Kritiker Jean-Louis Flandrin – sei die Unterrepräsentation des Kindes in der Kunst des Mittelalters kein Beleg einer völligen emotionalen Distanz zum Kind. Denn auch jenseits gesellschaftlicher Konventionen, die Emotionen zwar stark normieren können, sei der Mensch auch aus biologischen Gründen immer ein fühlendes Lebewesen gewesen. Und so fügte auch Michel de Montaigne seinen Gedanken über den Tod seiner Kinder noch hinzu: „Und dennoch gibt es kaum ein Unglück, das die Herzen der Menschen tiefer ergriffe.“2

  1. Michel de Montaigne, Essais. Avec des notes de tous les commentateurs, Paris 1834, S. 141
  2. ibid.

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