In der Weihnachtszeit schmücken sich wieder viele deutsche Städte mit einem Weihnachtsmarkt – einer scheinbar „urdeutschen“ Tradition. Doch in Wirklichkeit sind die Weihnachtsmärkte in der heutigen Form ein Phänomen der modernen Konsumgesellschaft der 1960er Jahre. Zwar gibt es mittelalterliche Vorläufer, doch lassen sich die ersten Weihnachtsmärkte frühestens mit der Entstehung des bürgerlichen Weihnachtsfestes an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert ausmachen.

Alle Jahre wieder kommt das Christuskind – und hat einen ganzen Reigen folkloristischen Weihnachtsbrauchtums im Gepäck. Allen voran: den Weihnachtsmarkt. Es gibt keinen besseren Gradmesser für das richtige Weihnachtsfeeling in jedem Jahr als ihn. Alljährlich verzaubert sich selbst die tristeste Kleinstadt im Dezember in ein heimelig leuchtendes Meer mit Tannengrün und Kunstschnee ornamentierter Holzbüdchen. Hier ist von Glühwein über Gebäck und handwerklich-dekorativen Erzeugnissen so ziemlich alles zu finden, was das Herz begehrt, aber nicht braucht. 2.500 Weihnachtsmärkte mit ungefähr 85 Millionen Besuchern gibt es jährlich in Deutschland. Mit geschätzten 3 Milliarden Euro Umsatz sind die Weihnachtsmärkte nicht nur ein beliebter Touristenmagnet, sondern auch ein veritabler Wirtschaftsfaktor. Und auch im Ausland ist er ein Exportschlager, der deutsche Weihnachtsmarkt. Überall bedient er sich derselben Formensprache und beruft sich auf dieselben Traditionen – ob in Tokio, Shanghai oder den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Weihnachtsmarkt in Heidelberg, 2018. Bild: Theo Müller
Weihnachtsmarkt in Heidelberg, 2018. Bild: Theo Müller

Doch anders als es einem die Traditionshascherei in Dekoration und Aufmachung heutiger Weihnachtsmärkte glauben machen will, die sich gern auf eine bis ins Mittelalter zurückreichende Geschichte berufen, ist der Weihnachtsmarkt wie wir ihn kennen im Wesentlichen ein Produkt der 1960er Jahre. Im Verlauf seiner Geschichte war er immer wieder tief greifenden Wandlungen unterworfen.

Erste (V)erklärungsansätze: der Weihnachtsmarkt in der Romantik. 

Früher war bekanntlich alles besser. Und das gilt natürlich auch für den Weihnachtsmarkt. Dessen Niedergang betrauert der Schriftsteller Ludwig Tieck bereits 1835 in seiner romantisierenden Erzählung „Weihnacht-Abend“ über den Berliner Weihnachtsmarkt seiner Kindheit im ausgehenden 18. Jahrhundert. Demnach seien Menschen aller Stände „fröhlich und lautschwatzend durcheinander“ über den Markt spaziert, von Eindrücken überwältigt an den „süßduftenden mannigfaltigen Zucker- und Marzipangebäcken vorüber, wo Früchte, in reizender Nachahmung, Figuren aller Art, Thiere und Menschen, alles in hellen Farben strahlend, die Lüsternen anlacht.“ Selbst die Bettler hätten seinerzeit „ohne Neid die ausgelegten Schätze und die Freude und Lust der Kinder“ zu diesem Feste bestaunt.

Erste (V)erklärungsansätze: der Weihnachtsmarkt in der Romantik. Heinrich Hoffmann (1809-1894): Christkindchesmarkt um 1850. Aus: König Nußknacker und der arme Reinhold
Holzstich von Heinrich Hoffmann (1809–1894), Christkindchesmarkt um 1850. Aus: König Nußknacker und der arme Reinhold, 1851. Bild: gemeinfrei.

Goethe schlägt in „Dichtung und Wahrheit“ in dieselbe Kerbe. Auch er bewunderte „das Wogen und Treiben, das Abladen und Auspacken der Waren“, die „in den sämtlichen Kinderköpfen jederzeit eine unglaubliche Gärung hervorbrachten“. Es ist eine heile und bunte Welt, die Ludwig Tieck und Wolfgang von Goethe dort zeichnen, den Weihnachtsmarkt als einen Ort des sozialen Friedens und des materiellen Wohlstandes darstellend. Doch wie so oft trügt auch hier der Schein. Goethe und Tieck gehörten als einflussreiche Romantiker zu den Grundsteinlegern einer bis heute anhaltenden historisierenden Verklärung eines Phänomens, das damals noch ganz neu und zudem eine gesellschaftliche Randerscheinung war.

Zwar lassen sich in Bautzen und Dresden bereits im 15. Jahrhundert Märkte zur Weihnachtszeit nachweisen, doch sind diese mitnichten bereits Weihnachtsmärkte. Diese nämlich entstanden erst sehr viel später, im 17. und 18. Jahrhundert, als sich Weihnachten vom rein religiösen zum bürgerlichen Fest entwickelt hatte. Zuvor war Weihnachten bis in die frühe Neuzeit hinein ein rein sakrales Fest und wurde zu Hause außerhalb der Kirche kaum begangen.

Aus diesem Grund gab es lange Zeit auch keinen Bedarf an weihnachtsspezifischen Waren – es hätte sie sich auch kaum jemand leisten können. Auf den Märkten, die meist nach den Heiligenfesten benannt waren, an denen sie stattfanden (Martini-, Michaeli- oder Nicolaimärkte), gab es denn auch fast nur Gebrauchswaren zu finden. Bis 1917 galt die Adventszeit überdies als eine von der katholischen Kirche gebotene Fastenzeit, sodass Speisen und Getränke zum direkten Verzehr auf den Märkten bis weit ins 20. Jahrhundert im katholischen Raum kaum eine Rolle spielten.

Mit dem Aufkommen des bürgerlichen Weihnachtsverständnisses wandelten sich auch die Weihnachtsmärkte. Das Kind rückte – wie in Goethes und Tiecks Erzählungen und Hoffmanns Stich anklingt – zunehmend in den Blickpunkt des gesellschaftlichen Interesses. Man begann die Kindheit erstmals als einen besonderen und prägenden Lebensabschnitt aufzufassen. Geschenke zu Weihnachten und vor allem Spielzeug standen von nun an hoch im Kurs, sodass sich die Weihnachtsmärkte vom Gebrauchsmarkt zur Spielzeugmesse mauserten. Seinerzeit waren Weihnachtsmärkte noch eine städtische Erscheinung, deren Angebote sich im Wesentlichen nur die Mittel- und Oberschicht leisten konnte. Doch auch für die ärmeren Stadt- und Landbewohner war der Weihnachtsmarkt ein soziales Ereignis, bekam das Gesinde doch zu dieser Zeit seinen sogenannten Weihnachtstaler ausbezahlt und hatte, was selten war, etwas Bargeld in der Hand.

Von Niedergang und Renaissance. Der Weihnachtsmarkt zwischen Industrialisierung und Weltkriegen

Doch mit der Industrialisierung, vor deren Hintergrund vor allem Tiecks melancholischer Rückblick in die „gute alte Zeit“ des Weihnachtsmarktes zu verstehen ist, wurde der eben dieser zum Problem. In den rasant anwachsenden Industriestädten wie Berlin geriet der einst beschauliche Markt zu einem für Polizei und Behörden kaum noch zu kontrollierenden Massenphänomen. Die sozialen Missstände der Gesellschaft zeigten sich zunehmend auch im Herzen der vermeintlich heilen Welt. Hunderte von Bettlern, Invaliden und illegalen fliegenden Händlern machten sich nun auf den Märkten breit und es kam zu unschönen Zusammenstößen mit den Marktbesuchern. 1893 wurde der Berliner Markt deshalb vom Berliner Schloss an die Peripherie verlegt. Und in auch anderen Städten mussten die Weihnachtsmärkte wegen des gestiegenen Andrangs von ihren historischen Plätzen weichen.

Carl Rechlin (1836-1882), Weihnachtsmarkt in Berlin 1866
Carl Rechlin Sohn (1836–1882), Weihnachtsmarkt in Berlin 1866. Bild: gemeinfrei.

Mit einem leichten Augenzwinkern illustriert diese „unromantische“ Entwicklung Carl Rechlins Holzstich des Berliner Weihnachtsmarktes von 1866. Anders noch als in Hoffmanns Stich des Frankfurter Chriskindchesmarktes zeigt sich hier bereits eine deutliche Vermassung des Marktes, die mit sozialen Konflikten einhergeht. Statt idealisierter Ruhe und Ordnung dominiert hier ein eher chaotisches Durcheinander. Im Zentrum steht ein wohlhabendes Paar in Pelzmänteln, das sich deutlich abhebt vom inzwischen ärmeren Publikum des Marktes. Es wird von einem Jungen, der als fliegender Händler auf dem Markt arbeitet, bedrängt. Rechts im Bild fasst ein Polizist einen anderen Jungen, der ebenso ein illegaler fliegender Händler ist. Zwei rangelnde Hunde im Bildvordergrund unterstreichen die unruhige Szene nur noch.

Die „goldenen Tage“ des Weihnachtsmarktes schienen also schon gezählt. Nach dem Ersten Weltkrieg stand Weihnachtsmarkt kurz vor dem Ende. Die großen Kaufhäuser traten ihren Siegeszug an und Spielzeug war nun dort viel billiger zu haben. Die Weihnachtsmärkte verloren rapide an ökonomischer Bedeutung und man versuchte dem durch ihre folkloristische Ausgestaltung entgegenzuwirken. Nun wurden Heimat und regionale Verbundenheit betont, feierliche Eröffnungszeremonielle abgehalten und die zuvor einfachen Stände zu aufwendigen Buden im altdeutschen Stil ausgeschmückt, es gab Karussells oder gar Kinos. Der Markt war auf dem besten Weg zum historisierenden Event.

Im Nationalsozialismus erlebte der Weihnachtsmarkt eine ideologische Aufladung, Politisierung und Umdeutung weg vom christlichen zum heidnischen Winterfest, was die seit dem 19. Jahrhundert einsetzende Säkularisierung in der Weihnachtssymbolik stark beschleunigte. Ab 1939 gab es sogar Richtlinien für Fliegeralarm für die Marktbesucher, ehe der Krieg und die wirtschaftlich schwierige Nachkriegszeit abermals zu einem rapiden Rückgang der Weihnachtsmärkte führten.

Säkularisierte Weihnachten. Die Entstehung des modernen Weihnachtsmarktes

Erst in den 1960ern schließlich kam es mit dem gesellschaftlichen Wohlstand zum „Revival“ des Weihnachtsmarktes und dieser wurde zu dem, als was wir ihn heute kennen. Konsumgesellschaft und Massenmotorisierung führten zu einem Siegeszug des Marktes sondergleichen. Von nun an setzten sich die Märkte innerhalb weniger Jahrzehnte selbst im kleinsten Dorf durch, wurden zu Touristenattraktionen und im Ausland weltweit nachgeahmt. Abermals erwiesen sie sich als ein zuverlässiger Spiegel gesellschaftlicher Sehnsüchte. Die deutsche Nachkriegsgesellschaft hatte vielerlei soziale Umbrüche zu überstehen. Der Gang der Welt beschleunigte sich, soziale Hierarchien wurden infrage gestellt, althergebrachte Bräuche und Strukturen verloren zunehmend an Sinn und Aktualität. Doch eines schien zu bleiben: der Weihnachtsmarkt.

Dieser wurde zwar einerseits zum neuen Konsumort, an dem anders als zuvor insbesondere Speisen und Getränke dominierten. Andererseits wurde dieses moderne Phänomen wie auch schon in den 1920ern in ein traditionelle und regionale Elemente aufgreifendes Gewand gehüllt, bei dem der Vergangenheitsbezug eine wichtige Rolle für die Bewältigung zeitgenössischer gesellschaftlicher Orientierungskrisen einnahm. Somit kommt dem modernen Weihnachtsmarkt weitaus mehr eine identitätsstiftende Wirkung zu als eine im eigentlichen Sinne weihnachtlich-religiöse.

Getreu dem Motto „Je älter, desto authentischer“ stellte sich von nun an jeder Weihnachtsmarkt in eine kulturell-historische Tradition, die es oftmals gar nicht gab. Weihnachtsmärkte, die in den meisten Orten erst seit wenigen Jahrzehnten existieren, gruppieren sich gern in historischem Ambiente um Kirchen und Altstädte. Vermeintlich traditionelle Speisen und Getränke werden zum Verzehr angeboten, die es zwar auch eine lange mit der Weihnachtszeit verbundene Geschichte haben mögen, jedoch nie öffentlich in der Fastenzeit konsumiert worden wären.

Glühweinkonsum auf dem Heidelberger Weihnachtsmarkt, 2018. Bild: Theo Müller
Glühweinkonsum auf dem Heidelberger Weihnachtsmarkt, 2018. Bild: Theo Müller

Alkohol in Verbindung mit lauter Musik, Fahrgeschäfte, Schlittschuhbahnen und sonstige Weihnachts-Events verdrängten die christliche Motivik früherer Marktdekorationen. Hatten zuvor Krippendarstellungen, Heiligen- und Christusfiguren oder Sterne in der Weihnachtssymbolik auf den Märkten dominiert, werden diese immer mehr durch nichtchristliche Elemente wie Schneeflocken, Rentiere, Tannengrün oder Weihnachtsmänner ersetzt. Die Tendenz weißt schon seit Langem auf die Entwicklung weg vom christlichen Weihnachts- hin zum jahreszeitlichen Wintermarkt, ganz im Einklang mit dem Rückgang der religiösen Bedeutung des Weihnachtsfestes als solchem.

Abschließend lässt sich festhalten, dass der Weihnachtsmarkt ein weitaus neueres Phänomen ist, als man glauben könnte. Er war stets großen Wandlungen unterworfen und passte sich an die sich stark ändernden gesellschaftlichen Bedürfnisse der Zeit an. Auch wenn es bereits im Mittelalter Märkte in der Weihnachtszeit gab, kamen die ersten genuinen Weihnachtsmärkte in der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert auf. Damals waren die Weihnachtsmärkte eine nur einer wohlhabenden Minderheit vorbehaltene städtische Erscheinung. Erst in den 1960er Jahren änderte sich dies grundlegend und der Weihnachtsmarkt erhielt seine heutige Gestalt, die mit Sicherheit nicht seine letzte gewesen sein wird …

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